Unser Erasmus-Workshop in Irland

Der „Dritte Ort“ beschäftigt uns bereits seit einiger Zeit. Auch hier auf dem Blog haben wir immer wieder darüber berichtet, wer unsere Partner in unserem Erasmus-Projekt zum Dritten Ort sind und von unseren Workshops, die im Januar in Aalen und im Mai in Finnland stattgefunden haben. Nun fand in den ersten Adventstagen unser dritter Workshop statt, für den wir dieses Mal nach Irland gereist sind, genauer gesagt in die Nähe von Dublin.  Wir haben uns mit unseren Partnern aus Finnland, aus der Türkei und natürlich aus Irland im „Glencree Centre for Peace and Reconciliation“ getroffen, das eine bewegte (Transformations-)Geschichte hinter sich hat.

Erbaut wurde Glencree Anfang des 19. Jahrhunderts für militärische Zwecke. Als Mitte des 19. Jahrhunderts das Gebäude seine militärische Funktion verlor, wurde es zu einem Erziehungsheim für Jungen, einem „detention centre for boys“ – eine traurige Passage seiner Geschichte. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es in einen positiven Ort verwandelt: Innerhalb der „Operation Shamrock“ wurden in der Nachkriegszeit von 1946 bis 1949 kriegsgebeutelte Kinder aus Deutschland, Österreich und Frankreich dorthin gebracht, um sie aufzupäppeln und ihnen Bildung zu ermöglichen. Nach ihrem Aufenthalt durften die Kinder ein Jahr in irischen Pflegefamilien verbringen, bevor sie in ihre Ursprungsfamilien zurückkehren sollten. Genau diese Rückkehr funktionierte für manche nicht, weil es ihre Familie nicht mehr gab oder sie sich nicht mehr in ihr zurechtfanden. So kehrten einige Kinder wieder nach Irland in ihre Pflegefamilien zurück. Immer wieder wird das Glencree Centre von nunmehr älteren Menschen kontaktiert und besucht, die ihren Kindern und Enkelkindern den Ort zeigen möchten, an denen sie selbst als Kind glücklich waren.

Das Glencree-Gebäude.

Im Jahr 1974 wurde Glencree dann zum „Centre for Peace and Reconciliation“, Anlass dafür war der Nordirland-Konflikt. Die Mitarbeiter halten Dialogmethoden in schwierigen Gesprächen bereit. Heute bieten sie auch Programme für Geflüchtete und interkulturelle Programme für Frauen an.

Der ideale Ort also, um Leute zusammenzubringen, die sich im Alltag, „unter normalen Umständen“, nicht begegnen und auch nicht verstehen würden. Auch das ist die Idee des „Dritten Ortes“. Wir haben uns über Sprachbarrieren hinweg mit Methoden des Theaters beschäftigt, denn Gastgeber des Workshops war das Theater Border Crossings. Der Großteil der Teilnehmer:innen spricht Englisch, doch eben nicht alle, einige Teilnehmerinnen aus Finnland sprachen nur Finnisch, was die Teilnehmer:innen aus anderen Ländern wiederum nicht verstehen. Außerdem war nicht nur Englisch als Kommunikationssprache, sondern auch unsere verschiedenen Muttersprachen gefragt, unter anderem Rumänisch, Italienisch und Arabisch.

Doch für viele Übungen, die wir gemacht haben, war keine Übersetzung notwendig: Wir haben mit Mimik, Gestik und Pantomime gearbeitet, haben Standbilder zu Weltproblemen dargestellt sowie mehrsprachige und interkulturelle Mahlzeiten nachgestellt, bei denen wir uns verständigen mussten, ohne die Sprachen des anderen zu kennen; hier kamen Deutsch, Finnisch, Englisch, Arabisch, Italienisch, Schwedisch, Türkisch und Rumänisch zum Einsatz. Kommunikation ist so viel mehr als Sprache. Auch kleine Szenen haben wir in (sprachübergreifenden) Gruppen vorbereitet und gespielt, bei denen wir Vorgaben hatten wie zum Beispiel: „Nur Ja und Nein sind erlaubt oder die Zahlen von 1 bis 6“ beziehungsweise „Wir geben euch zwei Sätze vor, und ihr macht daraus mit weiteren 4 Sätzen eine Szene. Die anderen raten, welche Sätze vorgegeben waren“. Die vorgegebenen Sätze hatten alle etwas mit Kultur, Identität, Raum zu tun – Themen, mit denen wir uns im „Dritten Ort“ beschäftigen.

Eine Darstellung des Weltproblems Armut.

Gerade aus diesen Aktivitäten haben wir methodische Anregungen mitgenommen, vor allem für unsere Sprachkurse: Wie bringt man Leute zum Kommunizieren, wenn (noch) wenig gemeinsame Sprache vorhanden ist? Außerdem geht es auch darum, einen Rahmen vorzugeben, in dem sich die Teilnehmer:innen einbringen können. Dafür braucht es zum einen klare Vorgaben wie zum Beispiel Arbeitsanweisungen durch die Kursleitung, aber auch viel Freiraum für Sprache, Kultur und Identität der Teilnehmer:innen. Auch wenn die Vorgaben für uns alle gleich waren, hat doch jede Gruppe etwas anderes daraus gemacht, und das ohne „besser“ oder „schlechter“.

Neben der Theaterarbeit haben wir natürlich auch theoretischen Input bekommen: Welche Themen behandelt das irische Theater? Wie schafft man es, dass verschiedene Gruppen zusammenkommen, sich selbst und einander begegnen und dabei etwas lernen? Wie arbeitet Border Crossings mit Theatern aus aller Welt, international und interkulturell zusammen? Welche verschiedenen Arten von Stücken werden erarbeitet? Und inwiefern spielt das Publikum eine entscheidende Rolle? Wie bringt man mehrere Stimmen in einen Raum, und wie bringt man sie zum Klingen? Und wie schafft man es, dass diese Stimmen gleichberechtigt sind?

Der Dritte Ort wird uns noch weiter beschäftigen, zum Beispiel in einem Seminar am 20. Januar 2023: https://www.vhs-aalen.de/p/525-C-6467069 Auch darüber hinaus stellen wir uns natürlich gerne der Herausforderung, unterschiedliche Menschen gleichberechtigt zusammenzubringen und ihre Stimmen zu hören.

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