Korea, mal anders

Es gibt eine Sache, die wir alle an unserer Arbeit in unserer vhs lieben: wir dürfen immer wieder neue und interessante Menschen kennenlernen.

Zwei solcher Menschen sind Dr. Myriam Kroll und Tim Hanstein. Was sie beide vereint? Sie sind in Baden-Württemberg aufgewachsen und haben koreanische Wurzeln. Beide wurden als Kind nach Deutschland adoptiert. Damit sind sie Teil der Gruppe von fast 200.000 koreanischen Kindern, die seit Ende des Koreakrieges hauptsächlich in die USA und Europa adoptiert wurden. Deutschland nahm hiervon etwa 2300 Kinder auf.

Tim Hanstein zu Besuch in Korea, dem Land, in dem er geboren wurde.

Am 13. Juli unterhalten wir uns mit ihnen. Zum einen geht es um (Süd-)Korea, dem Land, mit dem beide sich stark verbunden fühlen. Korea war ja das Thema unserer letzten Studium Generale Reihe zusammen mit der Hochschule Aalen. In diesem Gespräch mit Myriam Kroll und Tim Hanstein nun haben wir die Gelegenheit, Korea aus einer ganz anderen und sehr persönlichen Perspektive kennenzulernen: als Land, das vor allem in den 1980er Jahren sehr viele Kinder zur Adoption ins Ausland schickte. Wie Tim Hanstein berichtet, der gleichzeitig Gründer und bis zuletzt Vorstand des Koreanische Adoptierte Deutschland e.V. war, haben viele Adoptierte das Bedürfnis, zumindest vorübergehend einmal in Südkorea zu leben. Vieles dort erscheint teilweise vertraut, wie etwa das Essen, an das sich der Körper dann vielleicht doch noch aus frühen Kindheitstagen erinnert.

Für viele Adoptierte ist es in Südkorea auch eine schöne Erfahrung, in der Masse – anders als oft in Deutschland – mal nicht aufzufallen. Zumindest so lange nicht, bis es ums Sprechen geht. Dann begegnet ihnen Südkorea teilweise mit Ablehnung, denn es wird von den Adoptierten erwartet, dass sie fließend Koreanisch sprechen. Dabei ist ihre adoptierte Muttersprache ja Deutsch.

Das bring uns auch zum zweiten Thema in unserem kommenden Gespräch mit Myriam Kroll und Tim Hanstein, und zwar die Frage nach der Zugehörigkeit. Dr. Myriam Kroll hat für sich diesen Begriff verworfen, denn eigentlich, so findet sie, zählt er nur in sehr homogenen Gesellschaften. Dabei ist eine „Zugehörigkeit zu einer Gruppe“, egal welche, doch gar nicht so wichtig. Für Myriam Kroll zählt das Gefühl, Zuhause zu sein. Und dieses Gefühl ist davon geprägt, sich nicht anpassen und verbiegen zu müssen.

Trotzdem erlebt aber auch sie Momente, in denen man vielleicht von einer „Zugehörigkeit“ sprechen kann: wenn sie zum Beispiel im europäischen Ausland von anderen dann willkommen geheißen und als „zugehörig“ dargestellt wird, weil sie Deutsche ist. Da spielt das „koreanische“ Gesicht, das sonst vielleicht auffällt, keine Rolle mehr.

In Deutschland dagegen manchmal schon. Tim Hanstein berichtet, manche Veranstaltungen dann eben doch gerade deswegen zu vermeiden, weil er nicht als zugehörig anerkannt wird – zumindest im ländlichen Raum. Dabei haben er und Myriam Kroll ja das gleiche Selbstverständnis wie andere Deutsche und vor allem jene, die der Mehrheitsgesellschaft angehören: das ist das Milieu, in dem sie aufwuchsen.

Die koreanischen Adoptierten in Deutschland (und anderswo) können durch ihre Erfahrung auch viel zu aktuellen Fragen beisteuern, die unsere Gesellschaft gerade beschäftigen. Zum Beispiel auch zu den Menschen, die aus der Ukraine zu uns fliehen. Während unser Fokus als vhs vor allem auf dem Deutschunterricht liegt, um diesen Menschen so schnell als möglich die volle Teilhabe an unserer Gesellschaft zu ermöglichen, hat der Verein von Tim Hanstein vor kurzem darauf hingewiesen, dass eines dennoch sehr wichtig bleibt: über die Sprache erhalten sich diese Menschen eine Verbindung zu ihrem Ursprung und ihrer Kultur. Das sollen sie nicht verlieren (müssen), gerade die Kinder.

Es soll ihnen nicht so gehen, wie vielen Adoptierten aus Korea.

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