Es lebe die Grammatik!

Früher war es vielleicht besser. Früher, als man Latein in Wort und Schrift verwendet hat. Damals konnte man die einzelnen Wörter im Satz so platzieren, wie es einem in den Kram passte. „Dominum mordet canis“ bedeutet, ebenso wie „Canis dominum mordet“: „Der Hund beißt den Mann“. Das ist im Englischen anders: Es ist ein Unterschied, ob ich „The man bites the dog“ oder „The dog bites the man“ sage. Wenn wir im Deutschen eine Schlagzeile schreiben, „Hund beißt Mann“, dann müssen wir die richtige Reihenfolge einhalten, also Subjekt – Verb – Objekt. Mit Artikel haben wir etwas mehr Freiheit: „Der Hund beißt den Mann“ oder „Den Mann beißt der Hund“. Und warum hat Latein eine freie Wortstellung, Englisch gar nicht und Deutsch manchmal? Weil wir im Lateinischen, ebenso wie im Deutschen, Fälle haben, im Englischen nicht. Und die Fälle werden durch Endungen gekennzeichnet. „Canis“ ist nicht gleich „canem“, „der Mann“ ist nicht gleich „den Mann“.

Die Nachfahren des Lateinischen kennen keine Fälle mehr; es gibt keine Wortendungen, die die Rolle im Satz anzeigen. Nehmen wir mal das Italienische als Beispiel. Wir müssen, wie im Englischen, auf die Satzstellung achten: „Il cane morde l’uomo“, nicht umgekehrt.

Was ist nun einfacher und praktischer, eine freie Wortstellung im Satz mit den richtigen Endungen an Verb und Nomen, oder keine kompliziert erscheinenden Endungen, dafür eine feste Wortreihenfolge? Darüber kann man nachdenken und natürlich auch streiten. Klar ist: Es ist wichtig, die entsprechenden Regeln zu kennen, damit mein Gegenüber weiß, was ich sagen möchte. Und nicht nur die Satzstellung sagt etwas aus: Am Artikel, Nomen und Verb sehe ich, ob es eine Person ist oder mehrere. Die Verbform drückt aus, ob es gerade passiert, schon geschehen ist, noch in der Zukunft liegt oder ein unerfüllbarer Wunsch ist. Außerdem kann es wichtig sein, den Ort mittels Präposition zu bestimmen: Liegt das Buch auf, unter oder neben dem Tisch?

Bild einer Buchseite.
Aus einem Lehrbuch für Deutsch.

Manche Leute erschaudern, wenn sie das Wort „Grammatik“ nur hören, und erst recht, wenn im Sprachkurs Grammatik erklärt wird oder Übungen dazu gemacht werden. Grammatik ist theoretisch, das lässt sich nicht abstreiten. Aber es sind Regeln, die erklären, wie die Sprache funktioniert. In unserer Muttersprache müssen wir keine Regeln pauken, wir lernen sie „einfach so“, wir sind ständig und von Anfang an von ihr umgeben. In Fremdsprachen ist es jedoch wichtig zu verstehen, wie die Sprache funktioniert, gerade weil sie nicht immer um uns ist, sondern uns vielleicht nur ein Mal pro Woche im Kurs begegnet. Da lernt man eine Sprache nicht „einfach so“. Wir müssen erklärt bekommen, was wichtig ist. Die Wortstellung, wie sieht sie aus? Die Wortendungen, wie viele gibt es? Welche Verbformen gibt es, und wie werden sie gebildet? Und wie funktioniert das nochmal mit den Präpositionen?

Kann schreiben so Text ich einfach diesen nicht. Wie bitte? Diesen Text kann ich nicht einfach so schreiben. Es gibt Regeln, die unter anderem Wortstellung, Verbform und Wortendungen betreffen. Natürlich versteht man mich, wenn ich im obigen Satz „dieser“ statt „diesen“ verwende. Kleine Abweichungen werden normalerweise verziehen, wenn nicht sogar überhört. Aber ganz ohne Regeln geht es nicht. Hat jemand daran gezweifelt, dass wir die Theorieprüfung in der Fahrschule bestehen müssen? Wir müssen wissen, was für unsere Handlung wichtig ist, damit wir uns richtig verhalten. Das gilt im Straßenverkehr, im zwischenmenschlichen Miteinander und eben auch bei der Sprache. Das heißt nicht, dass wir zuerst einen Grammatiktest bestehen müssen, bevor wir anfangen zu sprechen. Zum Glück! Das bedeutet stattdessen, dass die Grammatik ein Hilfsmittel für die Verwendung der Sprache ist, ein Regelwerk für das Sprechen, das Werkzeug für die Kommunikation im Ausland. Viel Spaß beim Ausprobieren!

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