Italien, Deutschland, Heimat – und natürlich Fußball

Unsere beiden Mitarbeiterinnen Rosalinda Maniscalco und Susanna Gaidolfi unterhalten sich anlässlich der Fußball-EM darüber, was es bedeutet, zu zwei Ländern zu gehören.

S.G.: Es ist mal wieder Fußball-EM, und wir beide haben zwei Länder, zu denen wir gehören. Hast Du eine Lieblingsmannschaft?

R.M.: Italien. Aber wenn Deutschland spielt, dann bin ich für Deutschland. Bei meiner Tochter ist es genauso.

S.G.: Meine Herzensmannschaft ist auch Italien. In der Schule gab früher oft Sticheleien gegen die italienische Mannschaft, da war ich dann aus Trotz gegen Deutschland. Das hat sich aber geändert.

R.M.: Ja, den Spott aus der Schulzeit kenne ich auch. „Ich esse nie wieder Spaghetti und Pizza“, hieß es, wenn Italien gewonnen hat.

Hier wird’s spannend! Quelle: privat.

S.G.: Hast Du zwei Heimatländer?

R.M.: Ja, ich bezeichne sowohl Italien aus auch Deutschland als meine Heimat. Leider kann ich nicht viel Zeit in Italien verbringen, vielleicht einen Monat im Jahr. Dort machen wir Urlaub, wir haben schönes Wetter, viel Sonne und echten Sommer. Doch die Situation ist eher hoffnungslos. Die Leute studieren, machen ihren Abschluss – und finden dann keine Arbeit. In Deutschland gibt es die bessere Schulbildung und mehr Möglichkeiten.

S.G.: Bei meinen Verwandten in Norditalien ist die Arbeitssituation weniger hoffnungslos, aber trotzdem schwer. Es gibt wenig Sicherheit, viele haben befristete Verträge.

R.M.. Meine Eltern waren hier Gastarbeiter und haben in der Fabrik gearbeitet. Sie haben immer für Sizilien gespart und dort investiert; sie haben dort ein Haus, und vor zwei Jahren sind sie coronabedingt nicht aus dem Urlaub zurückgekehrt. In Deutschland sind sie eher heimatlos, auch wenn sie über 35 Jahre hier waren. Meine Mutter hatte hier immer Kopfschmerzen, das hat sich in Sizilien geändert. Sie hat kein Heimweh nach Deutschland, nur wir Kinder fehlen ihr.

S.G.: Bei meiner Familie ist das anders. Mein Vater kam durch ein Jobangebot nach Deutschland, er konnte also seinem gewohnten Beruf und damit seiner Leidenschaft nachgehen. In meiner Kindergarten- und Grundschulzeit hat meine Mutter vor Italienreisen „Wir fahren nach Hause“ gesagt. Für mich klang das seltsam, wir waren doch dabei, wegzufahren. Doch das wurde schnell anders. Jetzt sind sie hier gut integriert und angekommen.

S.G.: Bist Du zweisprachig?

R.M.: Ja. Mit meinen Eltern spreche ich sizilianischen Dialekt, mit meinem Bruder Deutsch, mit meiner Tochter Italienisch. Und wenn sie mal Italienisch spricht, freut mich das sehr, da geht mir das Herz auf.

S.M.: Geht mir genauso. Man freut sich, dass bei den Kindern etwas ankommt. Ich spreche aber auch mit meinen Schwestern Italienisch, was vermutlich daran liegt, dass sie noch in Italien geboren wurden und dort in den Kindergarten gegangen sind.

Gibt es auf im vhs-Alltag Situationen, in denen Du merkst, dass Du zwei Kulturen hast? Denkst Du manchmal „Das wäre in Italien jetzt anders gelaufen“?

R.M:. Nein, da mir der italienische Arbeitsalltag nicht bekannt ist. Ich muss mich eigentlich in Italien immer akklimatisieren; dort wird mir immer klar, dass ich auch eine andere Kultur habe und kenne. Was mir dort auffällt: Man verabredet sich zu einer gewissen Zeit, und in Wirklichkeit trifft man sich dann viel später. Außerdem nimmt man das Wechselgeld beim Einkaufen nicht so genau.

S.G.: Mir fällt auch in Italien auch immer auf, dass ich Pünktlichkeit und Verbindlichkeit sehr schätze.

R.M.: Ich habe eine schöne Geschichte aus Sizilien: Ich wollte beim Bäcker für den nächsten Tag einen dunklen Tortenboden bestellen. Die Verkäuferin wusste nicht, ob es klappt, weil der Bäcker eventuell keine Zeit haben würde. Sie meinte, um sicher zu sein, sollte ich lieber selbst einen backen, was ich aber nicht wollte. Also habe ich im nächsten Supermarkt einen für 4,80 € gekauft. Ich habe mit 5 € bezahlt, der Kassierer sagte „Grazie – A posto“ und gab mir kein Rückgeld.

S.G.: Du hast viel Kundenkontakt. Inwieweit hilft Dir Dein italienischer Hintergrund bei der Arbeit an der vhs?

R.M.: Man lernt, bestimmtes Verhalten nicht so eng zu sehen. Ich kann andere Menschen besser verstehen, mich in sie hineinversetzen. Empathie, Toleranz und Offenheit wachsen; ich sehe und weiß, dass verschiedene Kulturen anders ticken.

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