Unser kulturelles Erbe ist unsere Identität

Im Studium Generale, einer Kooperation mit der Hochschule Aalen, beschäftigen wir uns im Laufe der nächsten Monate mit „kulturellem Erbe“. Doch was bedeutet dieser Begriff genau, und warum ist es so wichtig, sich damit zu befassen? Wir haben unsere Leiterin, Dr. Nicole Deufel, gefragt, die im Fach Critical Heritage Studies promovierte und Expertin auf diesem Gebiet ist.

Wie kann man „kulturelles Erbe“ definieren?

In Deutschland ist die Vorstellung davon, ganz klassisch, eher materiell; man denkt dabei an Denkmäler und andere Dinge, die wir an zukünftige Generationen als eine „Schatzkiste“ von Erinnerungen weitergeben. Die Weiterentwicklung des Begriffs befasst sich mehr mit immateriellem Erbe: Es geht weniger um das Materielle, sondern vielmehr darum, was wir mit den Dingen verbinden. Uns ist etwas wichtig, weil sich darum Rituale ranken, die uns mit anderen Menschen, mit unserer „Community“ verbinden. An einem materiellen Objekt kann man die eigene, immaterielle, Identität durchspielen. Und durch dieses Zusammenspiel zwischen der Materie und deren Symbolen und Emotionen kommt Kulturerbe zustande.

Warum ist es so wichtig, sich damit zu befassen?

Weil jeder kulturelles Erbe mit sich herumträgt. Auch unsere Sprache gehört zu unserem kulturellen Erbe und zu unserer Kultur, auch der schwäbische Dialekt, und auch (deutsche) Traditionen wie Kaffee und Kuchen. Ganz oft werden wir uns unserer Identität, unserer Kultur erst dann bewusst, wenn wir unseren Kulturkreis verlassen und uns in der Welt positionieren müssen. Wodurch grenzen wir uns von anderen ab? Was bringt uns in die Nähe der anderen? Gemeinsamkeiten und auch Abgrenzung, unsere Identifikation, das ist unser Kulturerbe.

Kann Erbe auch eine Last sein?

Ja. Die Zukunftsarchäologie, auf Englisch „heritage futures“, kritisiert zum Beispiel den klassischen Diskurs zum Kulturerbe: Wir sind Sammler und wollen alles weitergeben, was wir haben. Doch so wird Zukunft überlastet. Dieses Festhalten und Bewahren ist nicht förderlich für den Wandel, der sowieso unausweichlich ist. Und wir müssen uns Fragen stellen: Wenn wir etwas für „die Zukunft“ sammeln, von welcher Zukunft sprechen wir dann? Wie weit entfernt ist sie? Wer sind unsere Erben, und was werden sie dann brauchen? Wie kann man Vergangenes nutzen, um Zukunft zu schaffen?

Kakadu National Park, Australien. Bild von Prof. Dr. Emma Waterton

Was wünschen Sie sich für die Beschäftigung mit Kulturerbe?

In die Welterbekonvention wurde nachträglich der Begriff der „Kulturlandschaft“ eingeführt, maßgeblich aufgrund von Bestrebungen der Aborigines in Australien. Die Kulturlandschaft wendet sich vom Materiellen ab; Kulturerbe sind die Menschen, ihr Selbstverständnis, ihre emotionalen Bindungen, Rituale und deren Bedeutung für die Gemeinschaft. In Deutschland wäre es toll, wenn Museen weniger nur sammeln und vielmehr kulturelle Prozesse und Identifikation erlebbar machen würden. Deutschland als Einwanderungsland sollte sich mehr mit Prozessen der Kulturerweiterung auseinandersetzen. „Deutschland“ bedeutet Menschen mit deutschen, italienischen, türkischen und anderen Wurzeln. Ein kulinarisches Beispiel: Ist der Döner heute aus unserem Stadtbild und unserem Speiseplan wegzudenken? Hätte vor 40 Jahren jemand damit gerechnet? Haben wir dadurch etwas verloren? Drei Mal Nein. Inklusion und Integration sollten als Prozesse in beide Richtungen verstanden werden, als Prozesse, die die Kultur und damit das Kulturerbe verändern. Kulturerbe selbst ist ein Prozess, der als solcher gesehen werden sollte. So können wir die Bereicherung erkennen und von der Angst loskommen, etwas zu verlieren.

Wir freuen uns auf hochkarätige Referent*innen, die kritische Fragen darüber stellen, was Kulturerbe sein kann.

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