So lebt’s sich nach dem Brexit

Als am 31. Dezember 2020 die Brexit-Übergangsphase geendet hat, war es unserer Leiterin, Dr. Nicole Deufel, ganz schwer ums Herz. Sie lebte während des Brexit-Referendums 2016 in Großbritannien und hatte sich wegen der Stimmung im Land entschieden, wieder nach Deutschland zurückzukehren. „Trotzdem hatte dieser Tag eine Endgültigkeit, die mich wirklich traurig machte,“ erzählt sie. „Und für viele meiner britischen Freunde und Kollegen war es noch viel schlimmer.“

In Gesprächen ging es deshalb in den vergangenen Wochen immer wieder um den Brexit und wie es jetzt weitergeht. Für einen langjährigen Mentor und Kollegen aus Schottland, Michael Hamish Glen, ist der Brexit eine besonders bittere Pille. „Schottland hat gegen den Brexit entschieden,“ betont er immer wieder und bedauert, dass sein Land jetzt gegen den eigenen Willen die Europäische Union verlassen muss. Er besteht aber nachdrücklich darauf, dass er trotzdem glühender Europäer bleiben wird. Für Michael Glen und Nicole Deufel bleibt eine tief bewegende, gemeinsame Erinnerung ein Besuch des Tyne Cot Cemetery in Ypres, Belgien während einer Tagung. Die Brexit- Entscheidung stand kurz bevor, und zwischen den Gräbern der britischen Kriegstoten unterhielten sie sich über Heimat und deren Verlust, der durch den Brexit besiegelt wurde. Dabei hatte das europäische Friedensprojekt das Finden dieser Heimat erst möglich gemacht.  

Auch für Michael Walling, Gründer des Theaters „Border Crossings“, bedeutet der Brexit einen großen Einschnitt. Schon 2015 arbeiteten er und Nicole Deufel zusammen in einem von der Europäischen Kommission angeregten Dialog zu Kultur und Migration. Bereits zu jenem Zeitpunkt zeichnete sich ab, dass Großbritannien der EU den Rücken kehren würde. Um für sein Theater jedoch die Möglichkeit zu bewahren, an EU Projekten und dem kulturellen Austausch mit den nächsten Nachbarn teilzunehmen, gründete Michael Walling ein zweites Theater, dieses Mal mit offiziellem Sitz im irischen Sligo. „Das ist zwar eine Herausforderung, als Engländer in Irland den richtigen Ton zu finden, gerade nach den Brexit-Verhandlungen,“ sagt er, „aber wir wollen diese europäische Dimension. Das gehört einfach zu unserer Arbeit dazu.“

Dr. Milena Komarova hat wiederum eine ganz andere Perspektive. Wie Nicole Deufel ist sie als EU Bürgerin nach Großbritannien gekommen – in ihrem Fall nach Nordirland. Eigentlich wollte sie nur ein paar Jahre bleiben, erzählt sie, doch zwischenzeitlich sind ihre Kinder dort zur Welt gekommen und Belfast ist ihr Zuhause. Als Forscherin an der Queen’s University beschäftigt sie sich mit Grenzen auf der irischen Insel und wie diese durch den Brexit als Konfliktherd wieder in den Vordergrund rücken könnten.

Das Thema Brexit ist also auch ein sehr persönliches Thema. Deshalb hat Nicole Deufel diese Kolleg*innen und Freunde zu einem Gespräch an der vhs Aalen eingeladen. Für alle Interessierten ist es eine Gelegenheit, mit Menschen aus Großbritannien in den Austausch über das „Leben nach dem Brexit“ zu kommen und vielleicht so die Bande, die zwischen uns gelockert wurden, auf persönlicher Ebene wieder zu stärken. Das Gespräch findet am 26. Januar um 19 Uhr auf Zoom statt. Anmelden kann man sich hier. Die Veranstaltungssprache wird Englisch sein, es ist jedoch möglich, Fragen und Anmerkungen auf Deutsch anzubringen – wir übersetzen dann gerne.

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