Zeuge sein: Die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg in Großbritannien

Am vergangenen Montag startete unsere Studium Generale-Kooperation mit der Hochschule Aalen und dem Kulturamt Aalen zum Thema „Großbritannien: Geschichte, Konflikt, Brexit.“ Dr. Ross Wilson von der University of Nottingham sprach über die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg in Großbritannien.

Er erklärte den Begriff der „landscapes of memory“, übersetzt der Erinnerungslandschaften, die durch die Errichtung von Mahnmalen und Gedenktafeln direkt nach dem Krieg geschaffen wurden. Trotz dieser Allgegenwart des Krieges im ganzen Land wurden jedoch während der Hundertjahrfeierlichkeiten, dem Centenary zwischen 2014 und 2018, weitere Erinnerungsstätten errichtet.

An diesen Stätten, so argumentierte Dr. Wilson, sollten die Menschen zu Zeugen werden. Er unterschied dabei drei Arten des „Bezeugens“:

Durch das emotionale Bezeugen soll ein affektiver Bezug zum Trauma, dem Verlust und der Tragik des Krieges geschaffen werden. Es ist ein menschliches Erleben und Verbundensein mit den Erfahrungen der vom Krieg Betroffenen.

Beim moralischen Bezeugen geht es um die Relevanz der Themen des ersten Weltkrieges im Heute, also etwa um Fragen der Legitimation von Regierungsentscheidungen, um gesellschaftliche Ungerechtigkeiten und Ausgrenzungen. An diesen Stätten werden zum Beispiel die Opfer der Soldaten aus ethnischen Minderheiten erstmalig anerkannt.

Im soziopolitischen Bezeugen betreten wir nun den Raum der Ideologie. Hier geht es vor allem darum, eine nationale Einheit zu schaffen, in der eine einheitliche Bewertung des Krieges, nicht zuletzt in Abgrenzung zu anderen, stattfinden soll.

Durch diese drei Formen des Bezeugens wird dem Ersten Weltkrieg eine neue Relevanz gemäß den Ansprüchen und Bedürfnissen der Gegenwart gegeben. Damit illustriert das Beispiel der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg in Großbritannien, wie vermeintlich objektive Fakten der Geschichte durch unterschiedliche Bewertungen in der Gegenwart eingesetzt werden und hier wirken (sollen).

In der anschließenden Frage- und Antwortrunde ging es auch um den Vergleich mit Deutschland und dem hier größeren Fokus auf den Zweiten Weltkrieg. Dr. Wilson erklärte, dass im britischen Diskurs der zweite Weltkrieg als ein moralischer Sieg verstanden wird, während der Erste Weltkrieg sich komplexer und auch kontroverser darstellt. Gleichzeitig ist hier eine vergleichbare Erinnerungskultur zu beobachten, wie etwa die Präsenz der „Poppies“ zeigt.

Besonders treffend fanden wir die Antwort, die Dr. Wilson auf eine abschließende Frage aus dem Publikum gab. Es ging darum, wie man Menschen begegnen sollte, die etwa sagen, dass sie die Vergangenheit (des zweiten Weltkrieges) lieber vergessen wollen und es leid seien, sich mit den immer selben Argumenten auseinanderzusetzen.  Für Dr. Wilson ging es dabei überhaupt nicht um die Vergangenheit, sondern um die Gegenwart. Er sagte, „Who do you want to be in the present? That discussion should never end.”

Das finden wir auch.

Weiterführende Literaturtipps von Dr. Wilson:

Iles, J., 2008. In remembrance: The Flanders poppy. https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/13576270802181640

Monger, D. und Murray,S., 2020. Reflections on the Commemoration of the First World War.

Noakes, L., 2019. Centenary (United Kingdom). https://encyclopedia.1914-1918-online.net/article/centenary_united_kingdom

Die nächsten Vorträge in der Reihe „Großbritannien: Geschichte, Konflikt, Brexit„:

30.11.2020
Engländer, Normannen und andere: rund um die Eroberung von 1066

14.12.2020
Nordirland nach dem Brexit: Krieg oder Wiedervereinigung?

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